| Was war da denn nun
los? 2018 hätte Brecht (1898-1956) seinen 120. Geburtstag gefeiert. Die
Uraufführung seiner «Dreigroschenoper» jährt sich zum 90. Mal. Der Regisseur Joachim A. Lang («George», «Brecht - Die Kunst zu
leben») will in seinem Film (SWR/Zeitsprung Pictures/Velvet
Films) die «Dreigroschenoper» mit der Entstehungsgeschichte von Brechts
nie in die Tat umgesetzten Film-Drehbuch verbinden. Brechts antikapitalistisches Singspiel «Die
Dreigroschenoper» soll in die Gegenwart überführt werden. Die Schauspieler sprechen nicht in erfundenen
Dialogen, sondern ausschließlich in Originalzitaten.
... soweit die Vorankündigung. Eineinhalb Jahre
später sitze ich (Chris Mennel) im Kino und schaue mir das Ergebnis an.
Der Film ist misslungen, das weiß jeder, der aus ihm hinausläuft und
nichts fühlt - keine Zusammenhänge zwischen den Filmteilen und eine
unfertig mitgeteilte Botschaft.
Was ist da im Einzelnen passiert? Nun, wir Komparsen
waren Zuschauer einer mangelhaften Regie. Alles unterhalb der Regie war
teils sehr gut - die Bauten, die Requisiten - bis gut - die Kamera und das
Licht. Der Film hätte vom Geld und von der Idee des Drehbuchs her gut
werden können. Wir Komparsen hatten z.B. eine sehr gute Komparsen-Regie.
Johannes litt sichtlich unter den schlechten Anweisungen des Regisseurs..
Beim Kameramann ging das Leiden so weit, dass er
Momente abpasste - es gab sie häufig - in denen die Regie ganz den Raum
verließ. Dann hieß es "alle Komparsen bitte zusammenkommen und diese und
jene Szene drehen" - mit dem Kameramann als heimlichen Regisseur, der dem
Film wenigstens mit einigen Einstellungen zu helfen versuchte. Der also
Übergänge drehte und gute Perspektiven. Einmal kam mitten in dieses
Zusatz-Drehen der Regisseur hinein, fragte, was wir Komparsen da für eine
perspektivische Gasse bildeten, und wies an, dass wir uns wieder platt nebeneinander
stellen sollten.
Dramatisch wurde es auch bei Peachums Gesang bei
acht Grad Celsius in der kalten Metzinger Fabrikhalle, in der wir drehten.
Peachum = Joachim Król verlor beim dritten und vierten Singen seine Kräfte
und vergaß Textmomente. Niemand ging zu ihm, gab ihm ein Heißgetränk,
sprach ihm Kraft zu. Die Regie nahm keine Beziehung zu den Darstellern
auf.
Idiotisch wurde es beim "Tanz der Huren". Der war
großartig, raumgreifend - und es gab diesen Raum, die kaputte Fabrikhalle.
Senkrecht von oben, aus drei Perspektiven in der Totale und dann
schrittweise nah heran an die Sängerin (Claudia Michelsen) inmitten dieses
schicken Tohuwabohus hätte gedreht werden müssen. Angewiesen von der
Regie, drehte der Kameramann siebenmal. Sieben für alle möglichen
Einstellungen ausreichende Mal waren das. Und jedesmal tanzten die Mädels
ihre drei-Minuten-Choreografie sehr gut. Aber siebenmal wurde stoisch eine bestimmte
recht nahe Einstellung gedreht, die alles Tanzen zu einem Vorbeihuschen
degradierte. Wir haben als Komparsen am Drehort eine Meisterleistung
gesehen, die im Film nicht existiert, die gar nicht mit der Kamera
festgehalten wurde.
Ich war nur zwei Tage am Drehort, bin aber überzeugt
davon, dass das Filmdrehen so weiter taumelte. Erst im Kino, nicht zuvor
als Komparse sah ich einen
sexlosen ungenialen unfaszinierenden Lars Eidinger als "Berthold Brecht".
Der echte Bert hingegen war ein Schwein, ein Genie und ein faszinierender Sturkopf.
Schaut euch Rainer Werner Fassbinder in "Baal" an, und ihr wisst, wie man
Brecht darstellen kann.
Lars hätte diese Rolle meinem Gefühl nach durchaus
schweinisch bis genial hinbekommen. Dass er über ein konturloses Schieflächeln nie hinauskam,
liegt nach meinem Verdacht schon wieder am Regisseur. Dem fehlen das
Genie, das Faszinierenkönnen und der Sex-Appeal. Mag sein, dass er diese
Lücken füllen wollte, als er sich genau mit Brecht befasste. Sowas klappt
aber selten.
Macheath halte ich für ganz fehlbesetzt, Polly macht mich
auch nicht froh: Ein zu alter steifer statt fies und halbjung
daherschleichender Mann und eine Frau, die nicht den Charme besitzt, wie
er in der Dreigroschenoper durchschimmert.
Ich habe im Kino schon gespürt, welch formales
Ansinnen - mehrere Betrachtungsebenen - und welche Synthese, welche Fusion
der Ebenen gegen Schluss des Filmes angestrebt wurde. Da ist etwas
Genialisches im Busch, Herr Drehbuchschreiber. Und im Busch, da bleibt es.

Tolle Komparsen, tolle Requisiten,
gutes Licht, gute Kamera: Schade, dass der Film dennoch ein Brei wurde. |